Bundeskabinett und Bundesrat: zwei Regierungsmodelle im Vergleich
Beide Gremien heissen Regierung und tun Ähnliches: Sie führen die Verwaltung, bereiten Gesetze vor und vertreten den Staat nach aussen. Wie sie zu einem Entscheid kommen, unterscheidet sich allerdings grundlegend.
Ein Kabinett ist die Versammlung der Ministerinnen und Minister unter einer Regierungschefin oder einem Regierungschef. Es entscheidet über die Geschäfte, die das Funktionieren der Regierung betreffen, beschliesst Gesetzentwürfe zuhanden des Parlaments und gibt den Ministerien Richtlinien für die Erfüllung ihrer Aufgaben vor.
Das Kanzlerprinzip
In Deutschland bestimmt die Bundeskanzlerin oder der Bundeskanzler die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung. Innerhalb dieser Richtlinien leitet jede Ministerin ihr Ressort selbständig. Kommt es zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen Ressorts, entscheidet das Kabinett als Ganzes.
Aus dieser Konstruktion folgt eine klare Hierarchie: Es gibt eine Person an der Spitze, die abberufen werden kann und mit der die Regierung steht oder fällt. Ein Misstrauensvotum richtet sich gegen sie, nicht gegen das Gremium.
Das Kollegialprinzip
Der schweizerische Bundesrat kennt keine solche Spitze. Sieben gleichberechtigte Mitglieder entscheiden gemeinsam; das Präsidium wechselt jährlich und bringt kein zusätzliches Gewicht mit. Nach aussen vertritt jedes Mitglied den gefassten Beschluss, auch wenn es intern dagegen war.
Diese Regel ist ungeschrieben und trotzdem eine der wirksamsten Konventionen des Landes. Sie macht Regierungsentscheide berechenbar, verschiebt die Auseinandersetzung aber vollständig in die vorberatende Phase — und macht es für Aussenstehende schwer nachzuvollziehen, wer eine Position vertreten hat.
Wahl und Abberufung
Ein Kabinett endet mit der Regierungschefin. Der Bundesrat dagegen wird für vier Jahre von der Vereinigten Bundesversammlung gewählt und kann während dieser Zeit weder abgewählt noch zum Rücktritt gezwungen werden. Ein Misstrauensvotum existiert nicht.
Die Gegenleistung für diese Stabilität ist ein schwächeres Regierungsprogramm: Weil die Zusammensetzung nicht von einer Mehrheit abhängt, gibt es keine Koalitionsvereinbarung, an der sich die Legislaturplanung ausrichten liesse.
Verhältnis zum Parlament
In parlamentarischen Systemen ist die Regierung aus der Parlamentsmehrheit hervorgegangen und auf sie angewiesen. In der Schweiz sind alle grösseren Parteien im Bundesrat vertreten, und wechselnde Mehrheiten im Parlament sind der Normalfall. Ein Gesetzentwurf des Bundesrates kann im Parlament grundlegend umgeschrieben oder verworfen werden, ohne dass daraus eine Regierungskrise entsteht.
Hinzu kommt das Referendum: Selbst ein verabschiedetes Gesetz kann noch an der Urne scheitern. Was ein Gesetz ist und welchen Weg es nimmt, beschreibt die Erläuterung Was ist ein Gesetz; die Rollenverteilung zwischen den Gewalten behandelt die Seite zur Gewaltenteilung.
Die Verwaltung als gemeinsame Ressource
Beide Modelle stützen sich auf eine Verwaltung, die Gesetzentwürfe vorbereitet, Vollzugsdaten liefert und die Umsetzung überwacht. Der Unterschied liegt in der Zurechnung: Wo ein Ministerium einer Ministerin zugeordnet ist, die dem Regierungschef verantwortet, ist ein schweizerisches Departement einem Kollegiumsmitglied zugeordnet, das dem Kollegium verantwortet.
Praktisch führt das zu einer stärkeren Stellung der Departementsvorstehenden gegenüber dem Gremium: Wer die Vorlage schreibt, setzt den Rahmen der Diskussion.
Vorteile und Kosten des Kollegialmodells
Der Gewinn ist Stabilität. Regierungskrisen im parlamentarischen Sinn gibt es nicht, und die Verwaltung arbeitet über Legislaturgrenzen hinweg mit gleichbleibenden Prioritäten.
Der Preis ist Zurechenbarkeit. Weil Beschlüsse als Kollegium gefasst und vertreten werden, lässt sich von aussen kaum feststellen, wer eine Position vertreten hat. Wer die Regierung für einen Entscheid zur Rechenschaft ziehen will, findet keine einzelne Adresse — nur das Gremium.
Häufige Fragen
Wie viele Mitglieder hat der Bundesrat?
Sieben, gewählt für vier Jahre von der Vereinigten Bundesversammlung. Jedes Mitglied führt ein Departement; das Präsidium wechselt jährlich und bringt kein zusätzliches Entscheidungsgewicht mit.
Was besagt das Kollegialprinzip?
Dass ein gefasster Beschluss von allen Mitgliedern nach aussen vertreten wird, auch von denen, die intern dagegen waren. Die Regel ist ungeschrieben und trotzdem eine der wirksamsten Konventionen des Landes.
Kann der Bundesrat abgewählt werden?
Während der Amtsdauer nicht. Es gibt kein Misstrauensvotum. Ein einzelnes Mitglied kann bei der Gesamterneuerungswahl alle vier Jahre nicht bestätigt werden, was seit 1848 zweimal vorgekommen ist.
Wer bestimmt in der Schweiz die Richtlinien der Politik?
Niemand allein. Der Bundesrat beschliesst die Legislaturplanung als Kollegium, das Parlament nimmt davon Kenntnis und kann sie ändern. Eine Richtlinienkompetenz nach deutschem Vorbild existiert nicht.